Tuschebilder sind nicht „machbar“

Wache Präsenz ist vor allem in der Tuschemalerei gefordert. Tuschebilder entstehen, sie sind nicht „machbar“. Ein einziger Pinselstrich kann alles sagen, beim Reiben des Tuschesteins, vor allem dann beim ersten Pinselstrich, oder schon vorher beim Eintauchen des Pinsels in die Tusche spürt man die eigene Gegenwärtigkeit – oder Hemmung, Müdigkeit, Un-Bewußheit. Jedes auch noch so geringe Zögern oder Anhalten des Atems überträgt sich auf den Pinsel.

Bei der Beschäftigung mit der Tusche kommt man besonders in Kontakt mit Gefühlen von Hingabe und Ohnmacht. Kausales Denken führt uns in die Bereiche der Logik, Vergangenheit und Zukunft. Bei der Konzentration, während man Tusche aus dem Pinsel auf das Papier fließen lässt, auf das Papier aufbringt, muss man ganz im Hier und Jetzt beim ganz Gegenwärtigen sein.
Man konzentriert sich ganz auf diesen Punkt, diesen Strich, den besonderen Druck dieses ausgewählten spezifischen Pinsels. Je mehr man offen ist für inneres Loslassen und Fließenlassen, desto mehr verändert sich das
„Ich male“ zum „Es malt“.

Mit dem Tuschepinsel kann man Unsagbares sagen. Der leere nicht bemalte Raum des nur leicht angefeuchteten oder vollständig gewässerten Papierbogens gestaltet sich selbst durch die Art, wie Tusche aufgebracht wird: von der gewaltigen explosiven Expansion bis zur zarten Entfaltung, vom dunkelsten Schwarz der Millionen Russpartikel, die sich konzentrisch kumulieren, bis zum zartesten Grau, das in die vielen feinen Verästelungen der vom Auftragspunkt weg in die Weite des nassen Papierbogens sich wegkatapultiert, ist alles möglich. Man muss, man kann mit allem rechnen.

cursor_active